
November 2011
Gábor Boldoczki zählt zu den besten Trompetern der Welt. Beim Blechbläser-Festival Sauerland-Herbst gibt der gefeierte Interpret mit den Hagener Philharmonikern zwei Konzerte in Hagen und in Meschede.
Gábor Boldoczki zählt zu den besten Trompetern der Welt. Beim Blechbläser-Festival Sauerland-Herbst gibt der gefeierte Interpret mit den Hagener Philharmonikern zwei Konzerte in Hagen und in Meschede. Der Titel „Volles Blech“ ist Programm: Allein bei der festlichen Sinfonietta von Leos Janacek sind 25 Blechbläser im Einsatz. Im Interview erzählt der 35-jährige Budapester von der hohen Kunst des Trompetenspiels.
Frage: Haben Sie schon vom Blechbläser-Festival Sauerland-Herbst gehört?
Gábor Boldoczki: Ja, selbstverständlich. Deshalb freue ich mich sehr, dass ich dort mit einem ganz speziellen Programm gastieren darf. Ich interpretiere das Concertino von André Jolivet und das Trompetenkonzert von Joseph Haydn. Diese Kombination habe ich noch nie gespielt.
Frage: Zwischen Jolivet und Haydn liegt eine große stilistische Bandbreite. Das eine Konzert wurde 1796 komponiert, das andere 1948. Welche Herausforderung bieten die Stile Frühklassik und frühe Moderne mit Jazz-Einflüssen?
Gábor Boldoczki: Joseph Haydns Trompetenkonzert ist ein wunderbares Werk, fantastische Musik, ich spiele das immer sehr gerne. Besonders freue ich mich auf das Concertino von Jolivet, auch, weil es oft nicht einfach ist, für zeitgenössische Stücke den richtigen Rahmen zu finden. Das Jolivet-Concertino stammt von 1948, aber es ist für mich immer noch aktuell. Es ist eine sehr interessante, spannende Musik. Das Publikum kann dieses wunderbare Werk kaum hören, weil es wirklich eine ganz große Herausforderung für den Künstler und das Orchester ist.
Frage: Was macht das Jolivet-Concertino so anspruchsvoll?
Gábor Boldoczki: Das Haydn-Konzert ist für Klappentrompete komponiert. Es gehört zu den ersten Konzerten, bei denen man auf der Trompete chromatisch spielen konnte. Alle Komponisten, so auch Jolivet, sind gerne bis zur „Grenze“ gegangen und haben bewusst die höchsten Möglichkeiten eines aktuellen Instrumentes – in diesem Fall der Ventiltrompete - und das Können des derzeitigen Künstlers ausgenützt.
Frage: Sie gelten als einer der besten Trompeter der Welt. Wie haben Sie angefangen?
Gábor Boldoczki: Ich habe mit meinem Vater angefangen, Trompete zu spielen. Mein Vater ist Musiklehrer, er unterrichtet alle Blechblasinstrumente an der Grundschule bei uns. Es gab überhaupt keinen Zwang im Unterricht mit ihm, aber es war gut, dass ich gleich am Anfang regelmäßig geübt habe, das ist extrem wichtig für Trompeter.
Frage: Die Zuhörer loben Ihren ungewöhnlich singenden Ton.
Gábor Boldoczki: Gesang ist der Grund von allem, denn er ist die Natur. Jedes Instrument sollte auf seine Art singen. Auf der Bühne sind alle Künstler ehrlich. Dort kann man sich nicht verstecken, man bleibt die Person, die ihre Seele zeigt. Wenn ich auf der Trompete singe, ist das meine Art, meine Seele zu zeigen.
Frage. Im Verhältnis zu Pianisten und Geigern gibt es nur wenige Trompeter, die international erfolgreich sind. Warum?
Gábor Boldoczki: Maurice André hat gezeigt, dass die Trompete auch ein Soloinstrument sein und der Trompeter vorne stehen kann. Das war ein Durchbruch. Das Instrument ist nicht einfach. Trompete muss man hundertprozentig spielen, dann kann man sie genießen. Gibt man 95 Prozent, kann man überhaupt nichts genießen. Wenn ein Ton daneben geht, hört es jeder. Es ist eine Art von Hochleistungssport. Man muss die Lippenmuskeln durch Üben trainieren. Wenn ich keine physikalische Kraft habe, kommt gar nichts raus. Perfektion ist immer ein Ziel, aber Musik auszudrücken, ist wichtiger.
Frage: Bei Janaceks Sinfonietta sitzen 25 Blechbläser auf der Bühne. Bei den „Pini di Roma“ von Ottorino Respighi sind es 17 Blechbläser. Geht einem Trompeter da das Herz auf?
Gábor Boldoczki: Ja, die zwei Konzerte werden ein richtiges Trompetenfest. Beide Komponisten, Janacek und Respighi, sind fantastisch. Die meisten Orchester-Trompeter sind Studenten aus den Workshops des Festivals, da habe ich ein Fachpublikum. Ich bin schon ganz gespannt, wie das wird.
Frage: Was ist Ihre nächste Herausforderung?
Gábor Boldoczki: Der türkische Pianist Fazil Say hat ein wunderbares Trompetenkonzert für mich komponiert. Das war eine spezielle Freude. Wir planen eine CD-Aufnahme. Ich finde es wichtig, dass man in der zeitgenössischen Musik die Wurzeln der Traditionen erkennt. Wenn nur Geräusch und Luft rauskommen, macht das keinen Spaß mehr.
Monika Willer
Source: www.derwesten.de

November 2011
Hier haben sich zwei natürliche Partner gefunden: Zum ersten Mal kooperiert der Sauerland-Herbst mit den Hagener Philharmonikern. So wird ein herausragendes Orchesterprojekt möglich. Das weltgrößte Blechbläser-Festival bietet in Bad Fredeburg traditionell Workshops an. Die teilnehmenden internationalen Studenten wirkten jetzt im Sinfoniekonzert mit. Das Programm wurde am Dienstag in Hagen und am Mittwoch in Meschede gespielt.
GMD Florian Ludwig kann mit der Brass-Festival-Verstärkung wirklich „volles Blech“ geben, Stücke aussuchen, die aufgrund ihrer großen Blechbläserbesetzung sonst selten aufgeführt werden können. Mit Gábor Boldoczki ergänzt ein Weltklasse-Trompeter das ebenso innovative wie nachhaltige Konzept. Für die Studenten ist Prof. Dr. Boldoczki ein phantastisches Vorbild. Aber auch der 35-jährige Budapester ist begeistert vom Engagement und dem Lerneifer der jungen Leute. Das Orchesterprojekt ist ein vielversprechendes Netzwerk, denn zum Beispiel der Solotrompeter der Hagener Philharmoniker hat in Bad Fredeburg auch mit den Studenten geprobt.
Gábor Boldoczkis Tourneeplan führt ihn von Hagen und Meschede sofort nach Cannes und Prag. Dort spielt er ebenfalls das Concertino von André Jolivet und das berühmte Trompetenkonzert von Joseph Haydn. Boldoczki besticht durch eine unvergleichliche Kultur des Trompetenspiels, bei der glanzvolle Virtuosität nicht Selbstzweck ist, sondern immer im Dienst der musikalischen Aussage steht.
Der Jolivet verlangt dem Solisten technisch alles ab. Boldoczki schmiedet Jazz-Elemente, atonale Intervallfolgen, Fanfaren und die innige Klage des langsamen Teils zu einem spannenden Hörerlebnis. Beim Haydn-Konzert demonstriert er, wie man auf der Trompete selbst bei den schnellsten Läufen singen kann, und zwar mit goldenem Ton. Nach der Zugabe, dem dritten Satz aus Hummels Trompetenkonzert, war das Publikum endgültig bezaubert von der Musikalität des ungarischen Ausnahme-Trompeters.
Richard Strauss’ „Feierlicher Einzug der Ritter des Johanniterordens“ ist mit seinem satten Blechchoral eine gute Einstimmung für Leos Janaceks wunderbare Sinfonietta, die mit den Fanfaren der Studenten startet. Hier wie später bei Ottorino Respighis „Pini di Roma“ zeigt sich, dass es gar nicht so einfach ist, einen derart massiven Blechbläsersatz sauber zu intonieren. Aber der geballte Blech-Effekt ist überwältigend.
Die Philharmoniker lieben den Janacek mit seinen raffinierten Rhythmen, den Volksliedzitaten und den zahlreichen delikat musizierten Holzbläsersoli. GMD Florian Ludwig findet einen sehr schönen Puls für die Interpretation und bringt die kunstvollen Instrumentations-Effekte zum Leuchten. Das Orchester klingt einfach großartig.
Respighis Tondichtung „Pini di Roma“ ist ein prachtvolles Beispiel für den Kolossalstil mit unglaublichen Klangeffekten, etwa dem wie von ferne schwebenden Trompetensolo oder dem herrlichen Klarinettensolo. Im Finale zieht nicht nur der Komponist alle Register: Florian Ludwig lässt das Stück über dem Schreitrhythmus des Schlagwerks triumphal anschwellen. Die Studenten spielen die Signale mit Flügelhörnern, Tenorhörnern und Baritonen von der Empore. Ludwig macht, anders als viele Dirigenten, zum Glück keinen Militärmarsch aus der Partitur, er lässt dieses XXXL-Trumm dagegen in reiner Musizierfreude so richtig krachen.
Monika Willer
Source: www.derwesten.de

Juni 2011
Eduard Muri und seine Südwestdeutsche Philharmonie sind ein Publikumsmagnet. Im KKL traten sie mit einem Starsolisten auf.
Auf Neues lässt sich Dirigent Eduard Muri in seiner Artemus-Konzertreihe nicht mehr ein. Seit über vierzig Jahren pflegt er das klassische und romantische Repertoire, erlernt noch in bester Kapellmeistertradition, und reiht in seinen Programmen Orchesterhit and Orchesterhit. Was heute etwas überholt erscheinen mag, hat durchaus Wirkung und Qualität. Das bekräftigte das Konzert am Sonntag: Wenn Muri mit der Südwestdeutschen Philharmonie im KKL auftritt, ist der Saal stets gut gefüllt.
Auf dem Programm standen Rossinis Wilhelm-Tell-Ouvertüre, Sinfonien von Mozart und Beethoven sowie Haydns Trompetenkonzert; eine exquisite Auslese also. Für Letzteres verpflichtete Muri den Ungarn Gábor Boldoczki, einer jener jungen Ausnahmetrompeter, die einzig damit zu ringen haben, dass es kaum Konzertliteratur für ihn Ihnstrument gibt. Haydn und Hummel schrieben die originellsten Werke. Boldoczki spielte gleich beide Konzerte: als Zugabe nämlich auch Hummels schwungvolles Schlussrondo. Sein Auftritt war angenehm unprätentiös, mit beseeltem Ton und herrlicher Phrasierungskunft.
Zu überzeugen vermochte die Südwestdeutsche Philharmonie zuvor bei Rossini. Sie hob elegant an zum berühmten Galopp, eigentlich ein überstrapaziertes Stück Musik, aber eben doch ein Geniestreich des Komponisten. Schlüssig gestaltete der Klangkörper als Ganzes die vielen Stimmungswechsel in der Ouvertüre.
Steigerung nach der Pause
In Mozarts Es-Dur-Sinfonie (KV 543) hingegen fand das Orchester trotz gut gewählten Tempi erst spät zu musikalischer Intensität. Nach der Pause steigerte sich das Ensemble dann zu klanglicher Pracht: Nun blühten in Beethovens 7. Sinfonie die Bläser auf und entwickelten die Streicher eine Eigendynamik, die dem Scherzo und dem fröhlich polternden Finale nur zugutekam.
David Koch, Neue Luzerner Zeitung

Mai 2011
Die Trompete zu Hummels Zeit
Das Konzert von Johann Nepomuk Hummel steht auf dem Programm, wenn Trompetenvirtuose Gabór Boldoczki Ende Mai wieder im Musikverein gastiert. Verena Großkreutz hat sich vorab auf eine Zeitreise begeben – der Geschichte der Trompete auf der Spur.
Für die Trompete war er ein ganz großer Tag, jener 28. März im Jahre 1800, als der Hoftrompeter und Instrumententüftler Anton Weidinger am Wiener Burgtheater im Rahmen einer öffentlichen „großen musikalischen Akademie“ seine neueste Erfindung vorstellte: die „organisierte Trompete“ – eine Klappentrompete, die es erstmals ermöglichte, bruchlos durch alle Register des Instruments zu hüpfen und wohlklingend phrasierte Melodien zu spielen. Denn die heutige moderne Ventiltrompete wurde erst 1820 aus der Taufe gehoben, und der Tonvorrat der bis dahin üblichen Naturtrompete war recht beschränkt: Tonleitern konnte man nur in der hohen Lage spielen, die ersten drei Oktaven eigneten sich lediglich für Fanfaren und martialische Figuren; die Trompeter regulierten ihr Instrument ausschließlich über Lippenspannung und waren so auf die lückenhafte Naturtonreihe angewiesen.
Fellini, Mahler und Miles Davis
Weidingers Klappentrompete war also ein großer Schritt in die richtige Richtung und leitete eine Entwicklung ein, die zu jenem populären, vielseitigen Instrument führte, das wir heute kennen: das sehnsuchtsvoll singt wie in Federico Fellinis Kinofilm „La Strada“, das einen Trauermarsch einleitet wie zu Beginn der Fünften Symphonie Gustav Mahlers, das so quirlig, quecksilbrig und fein ziselierend gespielt werden kann wie von Miles Davis und anderen Jazzern.
Zum Zeitpunkt des legendären Konzerts Weidingers allerdings war die erste solistische Glanzzeit der Trompete schon seit längerem vorbei. Als treue Dienerin des Staates war ihre Stimme eng mit der Welt des Militärs und des Hofes verbunden gewesen: Auf dem Feld diente sie als Signalinstrument der Verständigung innerhalb des Heeres, am Hofe verlieh sie Herrschaftsritualen und festlichen Banketten besondere Strahlkraft. Und auch in Gottesdiensten sorgte sie für prachtvolle Untermalung. Doch der gesellschaftliche Wandel von der höfisch-adeligen Musikkultur zur bürgerlichen führte im Laufe der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu einem enormen Imageverlust: Als repräsentatives Instrument weltlicher Herrscher des Barock stand sie im bürgerlichen Zeitalter solistisch nicht mehr hoch im Kurs.
Aufs Martialische konzentriert
„Der Klang der Trompete ist edel und glänzend; er eignet sich für kriegerische Phantasiebilder, für Wut- und Rachegeschrei ebensogut wie für Triumphgesänge und kommt dem Ausdruck aller tatkräftigen, stolzen, großartigen Gefühle sowie der meisten tragischen Töne entgegen“ – so beschrieb Hector Berlioz noch 1844 in seiner „Großen Instrumentationslehre“ ihren traditionell aufs Martialische konzentrierten Charakter, für den ihr heller und scharfer Klang verantwortlich ist, der aus der speziellen Bauweise des Instruments resultiert: aus der zylindrischen Rohrform, der engen Mensur, dem flachen Kesselmundstück und dem Grundmaterial Messing. Dem bürgerlichen Geschmack und erst recht der romantischen Vorliebe für verdämmernde Klänge entsprach dieser Tonfall nicht mehr. In der Kunstmusik des 19. Jahrhunderts trat die Trompete deshalb fast ausschließlich als Orchesterinstrument, im Tutti mit den anderen Blechbläsern in Erscheinung.
Orchestraler Verdrängungsprozess
Schon dem alten Joseph Haydn war die Tatsache, dass Wien einst Zentrum einer blühenden Trompeterkunst gewesen war, ohne die kein Staats- oder Kirchenfest stattgefunden hatte, nur noch eine vage Erinnerung. Aber gemäß den instrumententechnisch extrem experimentierfreudigen Zeiten, die mit der Entwicklung des bürgerlichen Kunstgeschmacks einhergingen, wurde emsig auch an der Verbesserung der Trompetenspielmechanik gearbeitet. Dabei ging es natürlich vor allem um die chromatische Erschließung des tiefen und mittleren Registers, was besonders wichtig wurde, um das Instrument in den Orchesterverband zu integrieren, in dem es stets um einen möglichst homogenen Zusammenklang geht. Die Clarinbläser – die auf das virtuose Spiel in der sehr hohen Lage spezialisierten Barocktrompeter – waren ohnehin schon längst von den anpassungsfähigeren Klarinetten aus dem Orchester verdrängt worden (daher ihr Name: Klarinette ist abgeleitet von Clarino), die im damaligen Stadium ihrer Entwicklung vor allem hoch, hart und grell klingen konnten.
Die Trompete schlägt zurück
Anton Weidinger experimentierte mit einer neuen Trompetentonerzeugung mittels Klappentechnik, die er den Holzblasinstrumenten abgeschaut hatte. Das bedeutete gegenüber den Barockinstrumenten zwar einen erheblichen Verlust an Brillanz. Aber man konnte nun dank der vier in die Instrumentenwand gebohrten Löcher und ihrer Klappen durch Verkürzung und Verlängerung der schwingenden Luftsäule die Lücken in der Naturtonreihe schließen und auch in den tieferen Regionen Melodien spielen. Ganz neue Ausdrucksbereiche wurden zudem erschlossen. So schrieb etwa ein Kritiker der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“ 1802 nach einem Gastspiel Weidingers in Leipzig begeistert: „Das Instrument hat noch seinen vollen durchdringenden Ton, aber zugleich einen so sanften und zarten, dass man ihn auf einer Klarinette nicht weicher anzugeben im Stande ist. Das Crescendo und Decrescendo, die klare, bis in das Mark eindringende Höhe, besonders wo Hr. Weidinger sich mehr innerhalb der dem Instrumente natürlichen Tonart hielt, sind ganz unvergleichlich und, im wörtlichen Sinn, unerhört.“
Befreiender Atem
Für besagtes Konzert im März 1800, in dem er seine brandneue Erfindung erstmals der Öffentlichkeit präsentierte, hatte Weidinger – weil es für die Klappentrompete ja noch keine anspruchsvolle Literatur gab – bei mehreren Komponisten Werke in Auftrag gegeben. Er hatte auch seinen alten Freund Joseph Haydn für sein Projekt gewinnen können – eine wichtige PR-Maßnahme, war Haydn doch längst eine europäische Berühmtheit.
So wurde Haydns letztes überliefertes Solokonzert eines für die Klappentrompete. Geistreich und wirkungsvoll bringt er Weidingers Neuerungen zur Geltung und kontrastiert sie immer wieder mit der typischen Fanfarenmelodik der „alten“ Trompete. Fröhlich springt die Trompete nun von einem Klangregister in das andere und erfreut sich ausgelassen am befreiten Spiel schneller Läufe. Schon ihr erster Soloeinsatz muss die Zuhörer damals verblüfft haben, weil er eine vollständige Tonleiter in der tiefen Oktave bringt.
Weidinger gab 1803 auch ein Werk für Klappentrompete bei Johann Nepomuk Hummel in Auftrag. Er führte es erstmals am Neujahrstag 1804 in der Fürstenresidenz Esterházy in Eisenstadt auf, wo Hummel gerade die Nachfolge Joseph Haydns als Hofkapellmeister angetreten hatte. Wie im Falle Haydns durchströmt auch Hummels Trompetenkonzert der befreiende Atem der Chromatik: in Gestalt von großen Intervallsprüngen im Kopfsatz, weiten Kantilenen im langsamen Mittelsatz und chromatisch verschobenen Trillerketten im Finale.
Brillant, virtuos
Dennoch war Weidingers Klappentrompete kein dauerhafter Erfolg beschert. Als zukunftsträchtiger stellte sich bald Friedrich Blühmels und Heinrich Stölzels 1818 patentierte Erfindung der Ventiltechnik für Blechbläser heraus, die 1820 auch auf die Trompete übertragen wurde. Sie stellt chromatische Tonfolgen durch die Verlängerung und Verkürzung der Schallröhre zur Verfügung: durch Zu- und Abschaltung von Zusatzbögen. Dieses intonationssicherere Prinzip verdrängte Weidingers Konstruktion nach und nach vom Markt, auch weil es der Trompete ihre Brillanz wiedergab.
Haydns und Hummels Trompetenkonzerte zählen heute dennoch zum Standardrepertoire aller großen Trompeter. Man spielt sie für gewöhnlich auf einem modernen Instrument. Dabei wird Hummels Werk meist von der Originaltonart E-Dur tiefer nach Es-Dur transponiert, weil es auf diese Weise leichter zu spielen ist. Der Trompetenvirtuose Gábor Boldoczki ließ sich von technischen Risiken aber noch niemals abschrecken. Er wird Hummels Klassiker im Musikverein deshalb im originalen E-Dur zum Besten geben.
Verena Großkreutz
Verena Großkreutz lebt als Musikpublizistin in Stuttgart.
Source: www.musikverein.at

April 2011
Der junge, ungarische Trompeter Gábor Boldoczki hat sich bereits in der Weltelite etabliert und ist im Begriff, den Königsthron von Maurice André zu erben. Wo immer er auftritt, wird er vom Publikum bewundert und frenetisch gefeiert. Die Veranstalter reissen sich um seine Präsenz und die Kritiker wühlen im Fundus der Superlative.
Trotz all der Lorbeeren aber ist der attraktive, sympathische Künstler auf dem Boden geblieben. Dafür sorgen auch seine Studenten, die der frischgebackene Professor der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest betreut, so oft seine Agenda ihm die Zeit zugesteht. Himmlische Sphären ertastet er in seiner Musik. Da will er mit seiner Trompete nicht nur glänzen, sondern auch die Seele der Menschen berühren.
Mit Gábor Boldoczki sprach Irène Maier
Sind Sie in einer Musikerfamilie aufgewachsen oder wer hat Sie dazu bewogen, Trompete spielen zu lernen?
Mein Vater war Berufsmusiker, spielte Trompete und unterrichtete alle Blechblasinstrumente. Von daher waren mir Trompetenklänge vertraut. Mein erstes Instrument aber war das Klavier. Mit neun Jahren begann ich bei meinem Vater mit dem Trompetenunterricht. Meine Mutter dagegen ist Mathematik- und Physiklehrerin am Gymnasium. So war es anfangs nicht eindeutig, ob ich eine musikalische Laufbahn anstreben oder ob ich mich einem andern Berufsziel zuwenden würde.
Wann war es für Sie klar, Berufsmusiker zu werden und eine Solistenkarriere anzustreben, gab es da eine Schnittstelle?
Das war ein längerer Prozess. Als ich als Fünfzehnjähriger den nationalen Musikwettbewerb in Ungarn gewonnen hatte, war das ein Wegweiser, der mich in die musikalische Richtung zog. Aber es war mir auch klar, dass es nicht einfach sein würde, als Musiker in Ungarn eine Existenz aufzubauen. Zudem wurde ich nicht als Wunderkind geboren. Musik machen hiess für mich viel Üben und Arbeiten.
Der entscheidende Punkt in meinem Leben war dann, als ich bei meiner zweiten Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb in Genf den dritten Preis gewann. Ich war gerade zwanzig Jahre alt und hatte mich entschieden, ganz auf die Trompete zu setzen.
Wäre für Sie der etwas sesshaftere Beruf als Orchestermusiker auch infrage gekommen?
Das war tatsächlich eine Frage, die sich mir stellte, und eine ganz wichtige Entscheidung. Ich hatte in München einen Preis gewonnen und das Sinfonieorchester des Bayerischen Rundfunks hatte die Solisten im Finale begleitet. Der Zufall wollte es, dass zu dieser Zeit die Stelle als Solotrompeter in diesem Orchester frei war. Ich war ja noch sehr jung, wollte unbedingt mehr lernen und dieses Angebot war verlockend.
Zwei Wochen später gewann ich den ersten Preis beim Maurice-André-Wettbewerb. Dadurch lernte ich meinen zukünftigen Manager kennen, konnte viele Kontakte knüpfen und meine Entscheidung für eine Solokarriere war gefallen.
Allerdings hat das unstete Leben als Solist seinen Preis und es war für mich anfangs nicht einfach. Aber die grosse Freude, die es mir bereitet, auf der Bühne zu stehen und für ein Publikum spielen zu dürfen, überwog. Seither hat sich meine Karriere in so gute Bahnen gelenkt, dass sich die Frage nach einem sesshafteren Leben nie mehr stellte.
Einer Ihrer Lehrer war Reinhold Friedrich. Was ist das Wesentliche, das er Ihnen auf den Weg mitgegeben hat?
Ich bin Reinhold Friedrich zum ersten Mal an den internationalen Wettbewerben in München und Paris begegnet. Er sass in der Jury. Nachdem ich meine Diplome an der Franz Liszt Akademie in Budapest absolviert hatte, war es mein Wunsch, ihn näher kennen zu lernen und mit ihm zu arbeiten. Aber ich wollte nicht einfach ein paar Privatstunden, sondern einen regelmässigen Unterricht in seiner Meisterklasse.
Reinhold Friedrich ist ein interessanter Musiker und ein wunderbarer Mensch. Er strahlt eine enorme Lebenskraft und Energie aus und seine positive Einstellung hat mich in meinen eigenen Ansichten und Bestrebungen immer bestärkt. Ich habe sehr viel bei ihm und von ihm gelernt und denke, es war auch gegenseitig eine wunderbare Zusammenarbeit.
Hatten Sie als Jugendlicher ein musikalisches Vorbild, dem Sie nacheifern wollten?
Ein eigentliches Vorbild hatte ich nicht wirklich. Aber natürlich war die grosse Legende Maurice André in der Schule stets präsent. Seine Aufnahmen waren tagtäglich zu hören, und wir haben immer fasziniert seinem Spiel gelauscht. Er war der erste Trompeter, der nach so langer Zeit zeigte, dass die Trompete ein Soloinstrument sein kann. Maurice André war ein überragender Künstler und seine Einspielungen sind heute noch beeindruckend und dienen als Richtschnur.
Fazil Say hat ein Trompetenkonzert für Sie komponiert, das Sie letztes Jahr uraufführten. War es ein Auftragswerk oder wie ist es zu dieser Zusammenarbeit gekommen? Kannten Sie Say vorher schon?
Ich habe natürlich Fazil Say als Pianist und Komponist gekannt und war auch ein paar Mal in seinen Konzerten. Persönlich trafen wir uns das erste Mal durch die Auftragskomposition. Letztes Jahr wurde ich als "Artist in Residence" bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern in Deutschland eingeladen. Ich durfte meine Ideen präsentieren und in sechzehn verschiedenen Konzerten jeweils unterschiedliche Programme gestalten. Darunter waren drei Uraufführungen, deren Höhepunkt sicher das Trompetenkonzert von Fazil Say war. Ich war sehr glücklich, dass wir Fazil Say für dieses Auftragswerk gewinnen konnten und die Festspiele Mecklenburg-Vorpommern die Aufführung ermöglichten. Das Konzert wurde ein überwältigender Erfolg.
Für Fazil Say war es ja eine neue Herausforderung, denn er hatte noch nie etwas für Trompete geschrieben.
Es war tatsächlich Neuland für ihn, und die Zusammenarbeit war für beide unglaublich spannend. Wir mussten die Grenzen des Instruments ausloten, da die Unterschiede der spieltechnischen Möglichkeiten zwischen Klavier und Trompete doch sehr markant sind. Allein schon, dass man Klavier stundenlang spielen kann, was den Trompetern nicht gut bekäme.
Im Sommer werden wir Sie im Berner Oberland anlässlich des Menuhin Festivals in Gstaad mit zwei von Ihnen transkribierten Werken hören. Das Bearbeiten von Werken, die für andere Instrumente geschrieben wurden, scheint eine Ihrer Spezialitäten zu sein. Nach welchen Präferenzen wählen Sie die Werke aus?
Früher hatte man ja nur Naturtrompeten, da waren die Spielmöglichkeiten auf die Naturtöne beschränkt. Durch die Erfindung der Ventile haben wir nun eine chromatische Trompete und eine Piccolotrompete. Damit lassen sich Stücke, die nicht für die Trompete geschrieben wurden, vortrefflich arrangieren. Die komponierten Trompetenkonzerte sind zwar wunderbar, aber an ihnen hängt der Nimbus von Glanz, Gloria und Feierlichkeit. Dagegen ist nichts einzuwenden, aber auch ein melancholisches Oboenkonzert oder ein virtuoses Geigenkonzert zu spielen ist faszinierend. Mir macht es Spass, andere Seiten des Instrumentes aufzuzeigen.
Sehen Sie hier die Konzerte des diesjährigen Menuhin Festivals in Gstaad.
Berufen Sie sich beim Transkribieren auf den Originalton oder soll es ein eigenständiges Stück werden? Was muss ein Werk enthalten, dass es für Sie gut auf die Trompete übertragbar ist?
Ich möchte die Musik eigentlich nie ändern. Ich nehme nur solche Werke, wo ich mir den Part auf der Trompete gut vorstellen und ihn praktisch notengetreu spielen kann. Die Werke, die ich auf CD aufgenommen habe, spielte ich alle in der Originaltonart. Bei Geigenkonzerten gibt es manchmal grosse Intervalle, die für die Geige unproblematisch, aber für die Trompete nicht machbar sind. An solchen Stellen passe ich die Stimme ein wenig an. Insofern sind meine Bearbeitungen keine eigentlichen Bearbeitungen, sondern Adaptionen an die Trompete.
Seit 2010 haben Sie eine Professur an der Franz-Liszt-Musikakademie in Budapest. Ist Ihnen das Lehren ein besonderes Anliegen?
Ja, ich habe das immer sehr gerne gemacht. Ich hatte immer wieder Schüler unterrichtet und nun ist es seit letztem Jahr offiziell geworden. Seit Januar 2010 habe ich an der Musikakademie eine eigene Klasse und es macht mir viel Freude, meine Erfahrung an junge Musikstudenten weitergeben zu können. Dabei lerne ich selber sehr viel. Unterrichten ist ein eigentliches Geben und Nehmen. Einerseits auf der Bühne zu stehen und zu spielen und dann wieder zu den Studenten zurückzukehren, das ist eine schöne Kombination und gibt eine gewisse Balance.
Machen Sie auch Kammermusik?
Kammermusik ist für mich ganz wichtig. Im Sommer gibt es immer wieder Festivals, wo Kammermusik in grösseren Besetzungen wie Quartetten oder Quintetten gespielt wird. Da existiert auch für die Trompete eine interessante Literatur. Aber was mir besonders am Herzen liegt, sind Klavier- oder Orgelrezitals mit Trompete. In meiner Konzertagenda haben Duo-Abende daher ihren festen Platz. Dabei können mein Klavierpartner Gergely Bogányi, meine Orgelpartnerin Iveta Apkalna und ich uns auf wunderschöne Originalliteratur berufen.
Gibt es neben der Musik Dinge, mit denen Sie sich beschäftigen und womit Sie Ihre Batterien aufladen können?
Die Musik nimmt zwar fast meine ganze Zeit in Anspruch. Während der letzten sieben oder acht Jahren hat Yoga mir geholfen, meine Batterien jeweils wieder aufzuladen. Aber nun habe ich etwas Neues für mich entdeckt: Ich lasse mich in die Kunst des "Modern Dance" einführen. Es ist eine künstlerische Bewegungsart, in der die gleichen Gedanken und Emotionen ausgedrückt werden wie in der Musik. Das macht sehr viel Spass und lässt Energien fliessen.
Source: www.radioswissclassic.ch

März 2011
Als Anfang November vergangenen Jahres der letzte Ton im Stadttheater Flensburg verklungen, das Meisterkonzert beendet und Gábor Boldoczki (Trompete) und Gergely Bogányi (Klavier) unter tosendem Beifall die Bühne verließen, da stand für Marianne Redlefsen fest:
Die beiden will sie unbedingt noch einmal hören. Und weil die inzwischen über Hunderjährige für ihre Entschlusskraft bekannt ist, wartete sie nicht lange, rief die Agentur der beiden Künstler an und bat um eine Wiederholung des Konzertes. Die Verwirklichung dieses Wunsches gestaltete sich unerwartet schwierig, weil die beiden Herren ihre Konzert-Tournée bereits terminlich eng geplant hatten. Die Agentur vertröstete Redlefsen ein ums andere Mal, bis die resolute Dame sagte: "Ich bin über hundert Jahre alt und habe keine Zeit mehr zu warten!"
Wer könnte sich diesem Argument verweigern? Gábor Boldoczki und Gergely Bogányi sicher nicht, sie suchten nach einer Lücke im Terminkalender und kamen. Am Sonntagabend war es dann soweit. Im Rahmen der Satruper Kammerkonzerte füllte sich das Bernstorff-Forum mit über 260 erwartungsvollen Zuhörern. Sie wurden nicht enttäuscht: ungarisches Feuer, Leidenschaft, Melancholie und Humor, grandios umgesetzt von zwei kongenialen Künstlern, die sowohl gemeinsam aber auch jeder für sich zu überzeugen wussten. Hochromantisches und Zeitgenössisches präsentierte Gábor Boldoczki mit originell-virtuoser Strahlkraft-herausragend die "Fanfare für Trompete solo" von Stanley Friedman. Gergely Bogányi wurde mit seiner unwiderstehlich sensiblen, intelligenten Anschlagskultur besonders mit Liszts "La Leggierezza" und im "Gnomenreigen" zum brillianten "Zauberer am Flügel".
Atemlose Stille, dann donnernder Applaus, Bravo-Rufe und Standing Ovations - die beiden Künstler quittierten den Jubel mit einem "Hut voller kapriziöser Überraschungen" und zauberten ein glücklich-strahlendes Lächeln nicht nur auf das begeisterte Gesicht von Marianne Redlefsen.
Ursula Raddatz
Flensburger Tagesblatt

März 2011
Da ist wieder die Frage. Die Frage nach der Notwendigkeit von Bach-Bearbeitungen. Hört man sich die aktuelle CD des ungarischen Trompeters Gábor Boldoczki an, wagt man diese gar nicht zu stellen. Gemeinsam mit dem Franz Liszt Chamber Orchestra, mit dem der junge Boldoczki 2002 auch seine erste CD einspielte, ist hier der Beweis, wie edel Bach in Blech klingen kann.
clarino.print: Warum hast du dich dazu entschieden, eine Bach-CD aufzunehmen?
Gábor Boldoczki: Ich beschäftige mich schon seit langem mit diesem Thema, weil Johann Sebastian Bach wirklich ein ganz großer Meister ist. Ich habe immer die anderen Musiker – etwa die Pianisten – bewundert, dass sie, wenn sie sich einspielen, einfach ein Stück von Bach nehmen können. Die haben ein riesiges Repertoire von ihm mitbekommen. Und ich wünschte mir, auch einmal Bach zu spielen. Er hat leider keine Solokonzerte für die Trompete komponiert, auch wenn er das Instrument in seinen Orchesterwerken sehr gerne besetzt. Trompetenstellen in seinen Messen und Kantaten sind oft groß und auch kompliziert – aber eben leider kein Solo-Konzert. Doch ich kann nun sagen: Es ist ein Traum, sich mit Bach zu beschäftigen und Bach zu spielen. Wenn ich eine CD aufnehmen darf, kann ich diesen Komponisten wirklich etwas tiefer kennenlernen in seinen Werken. Ich wollte nicht nur Johann Sebastian Bach nehmen, sondern auch das große Gegenteil dazu bzw. die Entwicklung davon – mit seinem Sohn Carl Philipp Emanuel Bach. Ich arbeite schon länger mit diesem Thema, doch nun bin ich 34 und dachte mir: Jetzt ist die Zeit gekommen, dass ich diese Musik überhaupt in Konzerten spielen darf. Ich glaube, um Johann Sebastian Bach zu verstehen, braucht man einiges – Zeit, um nachzudenken und Erfahrung mit barocker Musik. Und nun habe ich mich reif gefühlt, es einspielen zu können, ja zu dürfen. Es war eine wunderbare Arbeit.
Klaus Härtel
Source: www.clarino.de

Oktober 2010
Ausgerechnet Johann Sebastian Bach ließ die Solotrompete links liegen. Wie edel der Meister dennoch in feinem Blech klingt, zeigt der ungarische Virtuose Gábor Boldoczki auf seiner neuen CD.
Ob Bach, Telemann oder Donizetti: Gábor Boldoczki singt mit der Trompete. Zumindest intoniert der 34jährige Ungar Belcanto-Arien auf seinem gülden funkelnden Blasinstrument weich und elegant. So wie man es von Opernsängern kennt. Als Könner in seinem Fach zeigte sich der jugendliche Strahlemann aus gutem Haus am Wochenende bei einem Heinersdorff-Meisterkonzert in der Tonhalle in Düsseldorf. Zusammen mit dem Franz Liszt Kammerorchester aus Budapest gab Gábor eine Lehrstunde der hohen Trompetenkunst. Dicht besetzt waren die Reihen; denn mit einem Wunschkonzert-Programm von Bach bis Bartok versetzten die Ungarn ihr Publikum streckenweise in festliche Stimmung.
Überwiegend kleine Blechblasinstrumente mit Drehventilen der bekannten Marke B&S benutzt Boldoczki und entlockt ihnen einen reinen, schlanken Klang. In dem ersten Konzert, das Bach ursprünglich für Oboe komponiert hatte, betört er durch die gelenkigen, kleinen Sprünge, sicheren Rhythmus und eine souveräne Technik. Ob im Allegro von Bach oder in der feurig vorwärtsdrängenden Telemann-Zugabe: Gábor, in dunkelblauem Cut, meistert die kniffligsten Passagen mühelos, ohne sichtbaren Krafteinsatz. Er spielt so, als sei für ihn alles nur ein Klacks – selbst ein Virtuosenstück, in dem jeder Hörer die kleinste Unsicherheit wahrnimmt. Und dass er fehlerfrei auch bogenförmige Schluchz-Arien und butterweiche Spitzentöne zelebriert oder das Ave Maria (von Caccini) zelebriert, scheint fast eine Selbstverständlichkeit.
Als Gábor vor Jahren den ARD-Wettbewerb und weitere renommierte Preise gewonnen hatte, rühmten ihn manche schon als Nachfolger des legendären Maurice André. So startete er in jungen Jahren eine blendende Solokarriere, die ihn jedoch nicht übermütig machte. Er geht konsequent seinen Weg – weniger als experimentierfreudiger, sondern als gediegen klassischer Musiker, der auch in der Tonhalle fast wie ein Klassik-Popstar mit Johlen umjubelt wurde und danach noch lange Autogramme geben musste.
Das Franz Liszt Kammerorchester erwies sich als solider Partner für den Solisten und überzeugte durch zunehmend saubere Intonation, durch Lebendigkeit bei Bachs Brandenburgischem Konzert Nr. 3 und durch Brillanz bei einem Concerto Grosso von Händel. Besonders intensiv und voller Emotion musizierten die Budapester das Streicher-Divertimento ihres Landsmanns Béla Bartók. Ein dunkles Nachtstück, das plötzlich in heitere volkstümliche Akkorde übergeht und nur selten den für Bartók typischen schroffen Rhythmus peitscht. Das abwechslungsreiche Programm beendeten sie und Boldoczki mit einem Donizetti Concertino, in dem der Ungar erneut seine Bravour demonstrieren konnte.
Source: www.derwesten.de

Oktober 2010
CD der Woche
Werke von Johann Sebastian Bach und Carl Philipp Emanuel Bach
Gábor Boldoczki, Trompete
Kristóf Baráti, Violine
Soma Dinyés, Cembalo
Dániel Dinyés, Orgel
Franz Liszt Kammerochester
Vorgestellt von Dagmar Penzlin
Unter den Trompetern gehört er zur Weltspitze: Gábor Boldoczki hat bisher eine Bilderbuchkarriere hingelegt und verblüfft das Publikum mit seiner Vielseitigkeit. Er hat ein Faible besonders für Neue Musik - gerade hat er bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern ein Trompetenkonzert von Fazil Say uraufgeführt. Ebenso begeistert ist der sympathische Ungar von Barockmusik, besonders von den Werken Johann Sebastian Bachs. Eine Auswahl ist auf Boldoczkis neuer CD zu hören.
Elegant und stilsicher
Die Trompete als elegante Sängerin - diese Idee war für Boldoczki entscheidend, als er sich auf die Suche nach passenden Kompositionen für sein Instrument machte. "Obwohl Johann Sebastian Bach die Trompete so gern in seinen Kantaten und Oratorien benutzt hat, gibt es leider keine Solo-Stücke für uns", schildert Boldoczki. "Aber die Konzerte, die ich eingespielt habe, sind sehr gut machbar auf der Trompete. Es hat mir sehr viel Freude gemacht, Bach zu spielen und Bach auf meiner Trompete zu singen."
Und das tut er auf einer modernen Piccolotrompete - etwa wenn er einen Ausschnitt aus der Kantate 'Bringet dem Herrn Ehre seines Namens' spielt oder den Solopart vom A-Dur-Konzert, ursprünglich geschrieben für Oboe. Mit großer Eleganz und Stilsicherheit verleiht Boldozcki dieser Musik Glanz und Wärme.
Harmonisch und ausbalanciert
Mit dem famosen Geiger Kristóf Baráti und dem erfahrenen Franz Liszt Kammerorchester an seiner Seite wagt sich Boldoczki auch an das c-Moll-Doppelkonzert - ein gelungenes Experiment, so harmonisch und ausbalanciert lassen die beiden ungarischen Musiker ihre Solostimmen umeinander schweben und tanzen.
Zu den Konzerten, Chorälen und einer Arie von Johann Sebastian Bach gesellt sich noch ein Konzert von dessen Sohn Carl Philipp Emanuel Bach, wieder ursprünglich für Solo-Oboe komponiert. Auch hier spielt Boldoczki aus dem Geist der Musik heraus - klassisch ausgeglichen, dabei stark im Ausdruck.
Boldoczki zeigt auf seiner neuen CD wieder, wie meisterhaft er sein Instrument beherrscht. Jeder Ton sitzt - selbst kniffligste Verzierungen strahlen stets perfekt intoniert. Und tatsächlich singt der Mittdreißiger auf seinem Instrument: Trompeten-Belcanto.
Source: www.ndr.de

Juni - August 2010
Im Sommer 2010 gastierte Gábor Boldoczki bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern als "Preisträger in Residence". Höhepunkt war die erfolgreiche Uraufführung des von Fazil Say komponierten Werkes für Trompete und Orchester, eine Auftragskomposition der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern.
